„wie euer Vater barmherzig ist“
„Und aller Überfluß an jungen Söhnen, die kein Erbe empfangen hatten, verschwand in den westlichen Städten des Reiches, versank in den Bergwerken unter der Erde, vergaß die Wälder und Moore und bezahlte Lohn und Gewinn mit der Friedlosigkeit der im Dunklen Lebenden, mit der Zugehörigkeit zur Masse der Hadernden, die ihnen noch fremd blieb bis zur Todesstunde.“
So dunkel und dramatisch beschrieb der masurische Schriftsteller Ernst Wiechert in seinem zweibändigen Epos „Die Jerominkinder“ den Exodus seiner Landsleute in das rheinisch-westfälische Industrierevier. Tatsächlich wanderten Menschen aus Masuren zu Hunderttausenden nach Westfalen ab. Insbesondere ins Ruhrgebiet, wo die Industrialisierung im Ruhrgebiet einen großen Bedarf an Arbeitskräften geschaffen hatte.
Der Historiker Andreas Kossert schreibt: „Ob in Gelsenkirchen, Herne oder Gladbeck - polnische Namen prägen das Herz des Ruhrgebiets. Aber bis heute wird vergessen, dass ein Großteil der polnischsprachigen Einwanderer evangelische Masuren waren. Einer von ihnen, Ernst Kuzorra, Fußballikone des Ruhrgebiets, stammte aus einer solchen masurischen Familie. Streng evangelisch aufgewachsen.“
Mit dem Einsatz ihrer Arbeitskraft trugen sie zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region bei. Und mit im Gepäck hatte sie nicht nur ihre Sprache und ihre Traditionen. Mit ihrer besonderen protestantische Frömmigkeit und ihrer Verkündigung brachten sie für viele Licht und Frieden mit Gott in die von Wiechert behauptete „Friedlosigkeit der im Dunklen Lebenden“.
1885 wurde in Berlin unter der Federführung des masurischen Evangelisten und Predigers Christoph Kukat der „Ostpreußisch-Evangelische Gebetsverein“ gegründet. Der Verein war Teil der Gemeinschaftsbewegung innerhalb der evangelischen Kirchen Deutschlands und hatte das Ziel, Menschen im christlichen Glauben zu stärken und zu gewinnen.
Nach inneren Konflikten über die Art der Musik in den Gottesdiensten kam es 1911 zur Gründung des „Evangelisch-Lutherischen Gebetsvereins innerhalb der Landeskirche“. Die westfälische Landeskirche berief Prediger des Vereins als Gemeindehelfer zur Betreuung ihrer masurischen Gemeindeglieder.
Aber einfach war das Miteinander zwischen Gebetsverein und Landeskirche von Anfang an nicht. Kossert schreibt: „Der Gelsenkirchener Pfarrer Oskar Mückeley, obwohl behutsam im Ton, warf den Gebetsvereinen mangelnde Kooperationsbereitschaft und theologische ‚Eigentümlichkeiten‘ vor. Dabei ging es vor allem um liturgische Eigenheiten“. Der Gebetsvereinsprediger Adam Papajewski schieb in seiner Entgegnung selbstbewußt: „Wir erkennen unsere evangelische Kirche, bildlich gesprochen, wohl als unsere Mutter an, aber wir sehen leider doch vielfach, wie es darin viele treiben und machen. Von sehr vielen in der Kirche wird nur Moral gepredigt; die Predigt der Buße und Bekehrung im wahren Sinne des Evangeliums, wie es der liebe Heiland selbst gelehrt und geboten hat, hört man wenig.“ Fast wie heute. - Erstaunlich, wie wenig erfindungsreich der Zeitgeist zu sein scheint, wenn er einmal in Denken und Botschaft der Kirchen eingedrungen ist.
Und - es gibt sie immer noch: Die Gebetsvereine. Heute heißen sie „Evangelisch-Lutherische Gebetsgemeinschaften“. Und immer noch verstehen sie sich als „christliche Gemeinschaft innerhalb der evangelischen Landeskirchen“. Auf ihrer Website heißt es: „Zentrum und Kern unseres Glaubens ist die frohe Botschaft von Jesus Christus. Dabei ist die Lehre unserer Gemeinschaft gegründet auf die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments. Das Zeugnis der Bibel ist für uns die alleinige und vollkommene Richtschnur des Glaubens, der Lehre und des Lebens.“
Unser Gast in der Abendkirche am kommenden Sonntag ist Michael Czylwik. Als Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen leitet er aktuell die Arbeit der Evangelisch-lutherischen Gebetsgemeinschaften. Er reist zu uns aus Steinhagen in Bielefeld. Aber seine persönlichen Wurzeln liegen im Ruhrgebiet. „In Datteln im Kreis Recklinghausen“, schreibt er. „Der Glaube an Jesus und die Liebe zu Gott und den Menschen sind seit meiner Jugendzeit meine Leidenschaft.
Ich freue mich, zu Ihnen nach Bochum zu kommen und in Ihrer Abendkirche Gottes Wort zu verkündigen.“
Seinen biblischen Impuls bei uns umreißt er mit folgenden Worten: „Jesus fordert uns auf, miteinander barmherzig zu sein und einander Gutes zu tun. Klare und eindeutige Botschaft. Nur: Es scheint gar nicht so einfach zu sein, das auch wirklich ins Leben zu bringen. Oft gelingt es uns nicht, dem anderen das zukommen zu lassen, was wir selber doch unbedingt brauchen. Jesus macht uns klar, dass wir alle von der Barmherzigkeit Gottes leben und dass es nicht ohne Folgen bleiben wird, wenn wir dennoch unbarmherzig mit dem anderen sind. Und nicht zuletzt: Jesus wendet sich auch Menschen zu, die wirklich gern hilfreich für andere leben wollen, aber gar nicht mehr sehen, wie dringend sie selber Hilfe nötig haben. Erkennen wir uns darin ein wenig wieder?“
Musikalisch freuen wir uns auf einen Abend mit der Gospel-Formation Voices4Him - mit vielen Titeln von John P. Kee, Marivn Sapp, Donnie McClurkin u. a., die ‚Gospel‘ entfalten: Good Spell - Gute Nachricht von der Barmherzigkeit Gottes. An deutschen Titeln, mit denen wir als Abendkirche-Gemeinde unserem himmlischen Vater für alle empfangene Barmherzigkeit und Güte mit Herz und Mund danken können, wird es nicht fehlen.
Im Anschluss: Wie immer ‚Gemeinsam Gutes Genießen‘ und Zeit für gute Gespräche im Foyer der Trinitatiskirche. Wir freuen uns auf Sie und die Gäste, die Sie gern mitbringen dürfen.